Vabanquespiel

Der Sport schreibt oft seine eigenen Gesetze. Erfolg lässt sich daher nur begrenzt planen. Um zumindest das damit einhergehende wirtschaftliche Risiko für Clubs einzugrenzen, werden seit geraumer Zeit Versicherungen gegen sportliche Misserfolge angeboten. Ein Produkt, das sich hierzulande allerdings noch nicht etablieren konnte. - 12.03.2010 - SPONSORS 2/2010 - PDF-Download

Nürnberg, 24. Mai 2003. Es dauert fast bis 17:30 Uhr, bis sich die Anspannung auf den Rängen löst – zumindest bei den Anhängern von Bayer 04 Leverkusen. Am 34. und letzten Spieltag der Fußballbundesliga-Saison 2002/03 kann der schon fast abgestiegene Vizemeister und Champions-League-Finalist der Vorsaison gerade noch einmal den Kopf aus der Schlinge ziehen. Ein mühsames 1:0 gegen den 1. FC Nürnberg sichert den Klassenerhalt, den nach dem Erfolgsjahr 2002 wohl kein Experte infrage gestellt hätte. Mit angespannter Miene haben auch die Vereinsoberen von Bayer 04 das Spiel gegen den Abstieg verfolgt. Doch selbst bei einem Gang in die zweithöchste Spielklasse hätte es ein Trostpflaster gegeben: Dank einer Abstiegsversicherung wäre der Sturz zumindest finanziell abgefedert worden. Selbstverständlich hätte der Club in der 2. Liga mit erheblich höheren Verlusten rechnen mu?ssen, aber die sieben Millionen Euro aus der Versicherung hätten zumindest genau den Betrag abgedeckt, den der Energiekonzern RWE als Bayer-Hauptsponsor in der 2. Liga pro Saison weniger überwiesen hätte.

Prämien gegen Risiko

Letztendlich ist es nicht so weit gekommen, und doch zeigt das Beispiel, wie unberechenbar sportlicher Erfolg ist. Das hatte 2001 auch Bayer-Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser erkannt, der die sogenannte Abstiegsversicherung bei der Hannover Rückversicherungs AG abgeschlossen hatte. Bei einer Laufzeit von fünf Jahren war dem Club die Absicherung eine jährliche Prämie von 550 000 Euro wert, die an die Versicherung gezahlt wurde. „Ein damals guter Deal für Leverkusen“, befindet ein Experte gegenu?ber SPONSORs, der nicht genannt werden will.

Der Werksclub profitierte bei der Berechnung des Versicherungsvertrages von seinem u?ber Jahre aufgebauten sportlichen Prestige. Deshalb stuften die Analysten des Versicherers den Abstieg des Bundesligisten als unwahrscheinliches Szenario ein, die Versicherungsprämie fiel entsprechend moderat aus.

„Eine allgemein gu?ltige Faustformel über die Höhe der Prämie für einen Versicherungsschutz gibt es indes nicht“, weiß Henning Helwig, Sales Director beim Versicherungsmakler HOWDEN CANINENBERG, der auf Sportversicherungen spezialisiert ist. Die Prämien variieren enorm, „zwischen hohen einstelligen und bis zu mittleren zweistelligen Prozentanteilen der Versicherungssumme“, so Helwig. So zahlte Bayer Leverkusen damals circa acht Prozent an jährlicher Prämie. Für „Fahrstuhlclubs“ wie Arminia Bielefeld oder den 1. FC Nürnberg dürfte eine Abstiegsversicherung dagegen entsprechend teurer sein.

Weniger Streuung besteht derweil bei den Vertragslaufzeiten. Zwischen einem und maximal drei Jahren laufen die Versicherungen in der Regel. Längere Perioden werden von den Versicherungsunternehmen aufgrund unvorhersehbarer sportlicher Entwicklungen selten akzeptiert. Sollte ein Club dennoch unbedingt einen langfristigen Vertrag abschließen wollen, kann der Versicherungsgeber weitere Sicherheiten per Klausel vertraglich festsetzen lassen. „Es kann zum Beispiel eine Zusatzprämie vereinbart werden, falls ein versicherter Verein einen Mindesttabellenplatz nicht erreicht“, weiß Alexander Strehl, Senior Sales Manager Sport bei HOWDEN CANINENBERG. Fu?r den Eintritt des Versicherungsfalls könnte alternativ festgeschrieben werden, dass alle weiteren Prämien des Vertragszeitraums für den Club sofort fällig werden. Denkbar sei auch, dass sich der Verein verpflichtet, einen bestimmten Betrag per annum in Personalaufwendungen zu investieren, um die Aufrechterhaltung der sportlichen Qualität des Teams sicherzustellen, so Strehl.

Indikator Sportwetten

Doch wie lassen sich die Policen überhaupt berechnen? Der Versicherer muss zunächst das von ihm zu tragende Risiko durch einen Vertragsabschluss mit einem Club bewerten. Zu diesem Zweck setzt er zwei wesentliche Faktoren miteinander in Beziehung: die Eintrittswahrscheinlichkeit des Schadenfalls und die dafür bezifferte Höhe des möglichen Schadens.

Um die Eintrittswahrscheinlichkeit zu bestimmen, können einzelne oder mehrere Kriterien gemeinsam herangezogen werden. Dazu zählen die Vereinsplatzierungen der vergangenen Jahre, das Potenzial der Mannschaft, der erwartete Etat des Clubs für die kommende Saison und vor allem: Wettquoten. Schließlich sind bei einer Vielzahl von Wettbüros die Wahrscheinlichkeiten des Erfolgs und Misserfolgs von Einzelsportlern und Mannschaften sekundengenau und ununterbrochen abrufbar – vor allem bei Online-Anbietern. Allerdings muss der Versicherer die profitorientierten Aufschläge der Wettanbieter herausrechnen, um „reale Wahrscheinlichkeiten“ zu erhalten. Anschließend kann er den Club in verschiedene Risikogüteklassen wie „sehr gering“, „gering“, „mittel“, „hoch“ und „sehr hoch“ einteilen. Eine Einstufung mit sehr geringem Risiko beschert dem Versicherten eine entsprechend günstigere Prämie als einem Club, dessen Abstieg als sehr wahrscheinlich berechnet wird.

Kaum Nachfrage in Deutschland

Doch trotz aller Akribie und Transparenz konnte sich das Abstiegsversicherungsmodell in Deutschland offensichtlich nicht durchsetzen. So schätzt ein Vertreter einer Vermarktungsagentur, dass aktuell „kein einziger der Fußballbundesligisten die Abstiegsversicherung in Anspruch nimmt“.

Die Versicherungsunternehmen selbst wiederum halten sich zu dieser Frage bedeckt. Nur so viel verraten sie: In Deutschland sei die Nachfrage weitaus geringer als in anderen europäischen Top-Ligen. Allem voran in der englischen Premier League, wo eine Vielzahl der Clubs über britische Anbieter wie zum Beispiel die Lloyds Banking Group versichert sind.

Warum die geringe Nachfrage in Deutschland? Darauf gibt es verschiedene Antworten. Eine sind die Prämien, die auf Vereinsseite als häufig zu hoch wahrgenommen werden. So sah es offenbar auch Bayer 04 Leverkusen: Der Club verzichtete seinerzeit auf die Verlängerung des 2006 ausgelaufenen Versicherungsvertrages. „Die Prämien für diese Versicherung sind enorm gestiegen. Das rechnet sich nicht mehr“, begründete Wolfgang Holzhäuser, Sprecher der Geschäftsfu?hrung, gegenüber einer großen deutschen Tageszeitung diesen Schritt. Der Widerspruch aus den Reihen der Versicherungen zu angeblich überteuerten Prämien kommt prompt. „Ein Problem ist, dass die Vereine so lange wie möglich mit dem Abschluss der Versicherung warten. Wenn der sportliche Ausgang absehbar ist, steigt natürlich auch die Versicherungsprämie“, erklärt  Strehl das Geschäftsmodell. Eine andere Hemmschwelle fu?r den deutschen Markt ist das überschaubare Angebot an Assekuranzen, die u?berhaupt eine Abstiegsversicherung in ihrem Portfolio haben. Nur eine Handvoll ernstzunehmender Anbieter tummelt sich hierzulande, dazu zählen zum Beispiel die Hamburg Mannheimer Sports GmbH oder die ARAG Allgemeine Versicherungs AG. Entsprechend starr stellen sich Preise und Auswahl fu?r Versicherungsnehmer dar.

Millionen-Verlust fu?r Versicherer

Hauptgrund für die dünne Besiedlung des Marktes dürfte sein, dass in der Vergangenheit einige klassische Versicherungsunternehmen auf dem „Neuland Sportversicherung“ kläglich gescheitert sind und hohe finanzielle Verluste hinnehmen mussten. So soll beispielsweise einer deutschen Rückversicherung aus dem Geschäft mit Vereinen wie Atletico Madrid, Eintracht Frankfurt, Arminia Bielefeld und dem SSV Ulm ein Verlust in Höhe von 40 Millionen Euro entstanden sein.

Hinzu kommt die öffentlichkeitsschädliche Wirkung, die Clubs der Inanspruchnahme einer Versicherung teilweise zuschreiben. So könnte bei den Fans der Eindruck entstehen, dass sich der Club per Versicherung vom sportlichen Erfolgsanspruch freikauft. Die Versicherer argumentieren natu?rlich genau andersherum: Es zeige doch nur die wirtschaftliche Verantwortung und Weitsichtigkeit, mit der ein Verein agiere, heißt es dort.

Unstrittig dürfte zumindest sein, welcher wirtschaftliche Schaden zum Beispiel einem Fußballbundesligisten durch den Gang in Liga zwei entsteht. Die Faustformel, dass sich die jährlichen Einnahmen durch Ticketing, Sponsoring und Medienausschüttung in diesem Fall etwa halbieren, gilt nach wie vor, da sind sich Marktteilnehmer einig. „Dennoch nehmen die Clubs das wirtschaftliche Risiko in Kauf“, äußert ein Sportrechtevermarkter sein Unverständnis.

Eher unbeantwortet bleibt von Marktbeobachtern derweil die Frage, warum sich die Versicherung im Ausland besser durchsetzen konnte. Immerhin einen Ansatz gibt es: In den anderen europäischen Ligen würden Fußballclubs schon mehr als unternehmerisches Ganzes verstanden als hierzulande. In diesem Fall dürfte sich an der mauen Nachfrage für Abstiegsversicherungen erst mal nichts ändern.

Kontakt

Henning Helwig
Tel: +49-89-63005-460
Skype: henning.helwig.cs
E-Mail: henning.helwig@howden-caninenberg.de
Standort: Oberhaching